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Wohngebiet

2026

200 Fotografien von 200 abgeholzten Bäumen auf dem Bogensee-Areal, Wandlitz (Auswahl)

 

 

 

Warum es sich so gut anfühlt, einen Baum zu umarmen (Text von Silja Lenz)


Er ruht und beruhigt mich
weil ich den Drang fühle, etwas zu verändern
weil ich denke, ich will etwas bewirken
und gelten


kann ich einen Augenblick innehalten
und muss nicht sofort weiter.


Stephanie Bothes Arbeit Wohngebiet (2026), entsteht auf dem Areal am Bogensee und zeigt einen Moment des Innehaltens. Der Ort ist durchzogen von historischen Fronten, die sich noch immer im Raum abzeichnen. Zwischen links und rechts spannt sich ein Gelände, in dem sich Geschichte in Architektur eingeschrieben hat: in Ideologien, in Formen der Machtausübung, in Spuren von Regimen.

Über viele Jahre hatten sich allmählich Bäume zwischen die politischen Fronten begeben und den Blick daran gehindert, stur geradeaus zu gehen. Sie boten Schutz und lenkten den Weg um. Es war kein Kampffeld mehr, sondern ein Naturschutzgebiet. Das Wort „radikal“ leitet sich aus dem lateinischen radix ab und steht wörtlich für Wurzel. In diesem Sinne hat ein ebenso radikaler Eingriff den Zustand des Ortes hervorgebracht, wie er neuerdings vorzufinden ist: Die Bäume sind weg, die Wurzeln noch da.

Bothes Fotografien bilden den Ort nach dieser Veränderung ab und zeigen zweihundert Baumstümpfe, fotografiert aus der Vogelperspektive, mit Blick auf ihre Schnittflächen. Zu sehen sind die Jahresringe sowie Wurzelansätze, die in der Erde verschwinden. Sie machen die Zeit lesbar, welche die Bäume an diesem Ort verbracht haben und lassen erahnen, dass sie ihn auf andere Weise kennen als die Menschen. Mit dem Verschwinden der Bäume verändert sich auch das Areal. Sichtachsen öffnen sich und der Blick wandert ungehindert in die Ferne. Zugleich verschwindet auch etwas, das weniger sichtbar ist: Die Luft verändert sich. Schatten fehlen. Feuchtigkeit, Temperatur, Geruch nehmen neue Gestalt an. Henry David Thoreau beschreibt diesen Verlust als Verstummen: „How can you expect the birds to sing when their groves are cut down?“ [1] Denn nun, sofern Tiere, Insekten, Pflanzen und Pilze befragt werden, ist es auch kein Wohngebiet mehr. Jetzt, da die Fläche begradigt wurde, stellt sich die Frage, wie wir auf den Ort schauen. Ist es an der Zeit, zu verstummen, und stur geradeaus zu blicken? Was verschwindet, ist nicht weg, es verändert seine Form und verschiebt für uns die Voraussetzungen.


Die Welt existiert in unserem Erleben
und wir existieren im Erleben des Baumes.

 

[1] Thoreau, Henry David: Walden; or, Life in the Woods, Boston: Houghton Mifflin Company, 1910, S. 213.

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